„Sickness behaviour“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/13/Woman_Stressed_At_Work.jpg

Was versteht man unter „Sickness behaviour“? Jedenfalls nicht wie viele Menschen meinen das Verhalten eines „eingebildeten Kranken“ oder hypochondrisches Verhalten. In vergangenen Blogs habe ich über die 4 Notfallsituationen Kampf (fight), Flucht (flight) Erstarren (freeze) und Angsterwartung („fear expectation“) gesprochen und diese dem Erholungsverhalten („recreational behaviour“) gegenüber gestellt. Neben diesen 5 biochemischen Verhaltensmustern gibt es noch ein 6. biochemisches Verhaltensmuster, das ich als „Sickness behaviour“ bezeichnen möchte.

Wenn ein Tier krank wird, schaltet es alle Stressverhaltensformen ab und kauert sich in eine Ecke oder ein Versteck, um sich dort „zu erholen“. In so einem Zustand ergibt es auch keinen Sinn, Flucht- oder Kampfverhalten an den Tag zu legen. Man wäre einfach zu schwach, um zu kämpfen oder zu fliehen. Der Mensch, der sich in so einer Situation befindet,  legt sich ins Bett und möchte seine „Ruhe“. In diesem Zustand zeigt der Mensch, Symptome wie Müdigkeit, Erschöpfungsgefühl, Antriebsstörungen, Schmerzempfindlichkeit, Schlafstörung und schlechte Stimmung. All diese Symptome sieht man auch bei Menschen mit Depressionen. „Sickness behaviour“ ist biochemisch auch mit Depressionen vergleichbar. Auch CFS/ME und post-Covid- Syndrom fallen vermutlich in diese Kategorie. Zum Unterschied von depressivem Verhalten, werden die Beschwerdenbei körperlicher Belastung aber deutlich schlechter.

Was passiert bei Sickness behaviour?

Ein Transmitter der „Vitalitätsgefühl“ vermittelt ist Serotonin. Am Abend, wenn es dunkel wird, sinkt es ab, indem es zum Schlaf-Hormon Melatonin umgewandelt wird. Serotonin wird aus der Aminosäure Tryptophan gebildet, dabei spielt das Enzym Indolamindioxygenase (IDO) eine Schlüsselrolle. Wird dieses Enzym stimuliert, z. B. durch proinflammatorische Zytokine wie Gamma-Interferon u. a. führt es dazu, dass Tryptophan nicht mehr zur Serotonin-Synthese zur Verfügung steht. Serotonin sinkt in der Folge ab und man wird depressiv. Am Abend fehlt das Serotonin auch für die Melatonin-Synthese und man bekommt Schlafstörungen. Dieser Mechanismus kommt immer dann in Gang, wenn das Immunsystem stimuliert wird (Infektionen, Autoimmun-Krankheiten, Tumor-Krankheit etc.) und führt zu Sickness behaviour.  Diese Verhaltensveränderung kann Jahrzehnte, bevor eine somatische Krankheit zum Ausbruch kommt, auftreten. Zu einem Zeitpunkt, bei dem Ärzte meist noch gar nicht in er Lage sind, die Krankheit zu erkennen, die für diese Verhaltensänderung verantwortlich ist.

Was können wir daraus lernen?

Wir sollten Menschen, die sich krank fühlen, ernst nehmen. Auch dann, wenn kein Arzt eine Krankheit feststellen kann. Manche Psychologen sprechen von „sekundärem Krankheitsgewinn“ oder „Hypochondrie“. Beides gibt es in meinen Augen nicht, sondern ist eine herablassende Bezeichnung für Menschen, die sich krank fühlen, in einem Stadium, in dem man die Krankheit noch nicht feststellen kann.

Versuchen wir nicht immer das Immunsystem „zu stärken“. Ein „starkes“ Immunsystem führt nur zu erhöhter Entzündungsaktivität und damit zu noch schlechterem Befinden. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in dieser Situation ist oft kontraproduktiv und führt nicht immer zum gewünschten Erfolg, manchmal sogar zu Verschlechterung.

Welche Untersuchungen kann man machen?

Hier nur eine Auswahl von Untersuchungen. Besprechen sie mit ihrem Arzt welche dieser Untersuchungen für Sie sinnvoll sein könnte.

  • Komplettes Blutbild und Blutsenkung (als Basis-Test)
  • Elektrophorese: Albumin/Globulin-Ratio (lo), Albumin (hi), Alpha-1- und Alpha-2-Fraktion (hi), Gamma-Globuline (hi)
  • Entzündungsmarker (CRP (hi), Spermidin (hi), Serumamyloid-A (hi), Neopterin (hi), Procalcitonin (hi), Kynurenin (hi), u. a.)
  • Proinflammatorische Zytokine: IL-6 (hi), TNF-alpha (hi)
  • Inflammation sensitive Spurenelemente (Zink (lo), Selen (lo), Kupfer (hi), Coeruloplasmin (hi) u. a.)
  • Mastzellenmarker: Tryptase (hi), Histamin (lo)
  • Gerrinnungsmarker: Protein-C (lo), D-Dimer (hi)
  • Eisenstoffwechselparameter: Ferritin (hi), Eisen (lo), Hepcidin (hi)
  • Stuhl: Calprotectin (hi), Helicobacter pylori (pos)
  • Harn: Harnstatus mit Sediment

 

Autor: Ledochowski

Arzt und Autor